Im August widmete sich die Veranstaltungsreihe „60 Minuten – SPD im Dialog“ dem Thema religiöser Vielfalt in der Bundeswehr und den damit einhergehenden Herausforderungen. Detlev Pilger, Mitglied des Bundestages und Kandidat für die Bundestagswahl am 24. September im Wahlkreis 199 begrüßte zusammen mit David Langner, Sozialstaatssekretär und Kandidat für das Amt des Koblenzer Oberbürgermeisters Hauptfeldwebel Hülya Süzen und Oberleutnant Lange vom Zentrum Innere Führung in Koblenz.

Hülya Süzen dient seit 2004 Deutschland. Als gläubige Muslima türkisch-arabischer Herkunft, ehemalige Profiboxerin und geschieden verkörpert sie so gar nicht das Bild, das vielerorts gerade von Frauen muslimischen Glaubens vorherrscht. Nicht das einzige Vorurteil, mit dem Süzen an diesem Tag bricht.„Ich hatte Glück gehabt, in Deutschland geboren worden zu sein. Ich fühle mich als Deutsche mit türkisch-arabischen Wurzeln. Aus beiden Kulturen habe ich das Beste mitgenommen und etwas für mich passendes geformt. Somit bin ich sozusagen eine Deutsche-plus“, sagt Süzen währen sie davon berichtet, dass sie nach einer Hirnblutung im Krankenhaus auf die Reha wartend das Angebot des Zentrums Innere Führung für ihre jetzige Stelle las und damit ihre berufliche Laufbahn ihren Anfang nahm. Heute ist sie Beauftragte für die unterschiedlichen Religionsgruppen außerhalb des Christentums innerhalb der Bundeswehr. Als Ansprechpartnerin treten ihre Kameradinnen und Kameraden mit religiösen Fragen und Problemstellungen an sie heran, suchen Rat und Hilfe. Darüber hinaus hält Süzen Vorträge zum Thema innerhalb der Truppe und sensibilisiert. Da immer mehr Einsätze auch in islamisch geprägten Ländern stattfinden, gibt Süzen im Rahmen der Einsatzvorbereitung Vorträge zum Islam und zu der Region. Alle drei Monate lädt sie zum interreligiösen Dialog. Ein Frühstück der Religionen gehören ebenso dazu wie das gemeinsame Fastenbrechen.

 “In einer derart heterogenen Gruppe wie der Bundeswehr ist es enorm wichtig, Menschen zu verstehen um sie führen zu können. Als Vorgesetzter habe ich eine Führsorgepflicht. Dazu gehört es auch, Rücksicht zu nehmen, beispielsweise wenn ein muslimischer Soldat fastet. Dann muss ich berücksichtigen, was das für dessen Verpflegung und Fitness in dieser Zeit bedeutet. Wenn Menschen so eng und lange zusammen arbeiten, wie in einer Armee, hat das Private und Persönliche einen direkten Einfluss auf das Miteinander im Dienst“, sagt Süzen und erinnert daran, dass aber lediglich 1 Prozent aller Soldatinnen und Soldaten sich zum muslimischen Glauben bekennen neben 29 Prozent Protesttanten, 26 Prozent Katholiken und 44 Prozent ohne Glaubensangaben bleiben. Daher dürfe die Frage nicht heißen, was ist die deutsche Kultur, die deutschen Werte. Gerade Einwanderer nach Deutschland säßen oftmals zwischen den Stühlen, weder Deutsch noch ihre Heimatnation. Entscheidend sei hier, dass sie nicht zwischen die Stühle fielen, sondern sich auf einen dritten Stuhl setzen, der von allem etwas hat. Dieser dritte Stuhl vereint das Beste aus beiden Welten miteinander. Für Süzen ist der Soldat oder die Soldatin in Uniform mit Migrationshintergrund mit der stärkste Beweis für eine hohe Integrationsbereitschaft: „Dem Land zu dienen und auch bereit zu sein, notfalls sein Leben geben zu müssen, kann nur gelingen, wenn ich dieses Land und seine Grundrechte akzeptiere und lebe. Der gemeinsame Nenner ist für uns die Uniform. Die eigene Kultur, Hautfarbe oder Religion ordnen sich hier unter.“ 

Am Ende will David Langner wissen, was Hülya Süzen von der Politik erwarte? Die schlagfertige muss nicht lange überlegen: „Ein höheres Maß der Anerkennung für Soldatinnen und Soldaten, deren Engagement und Einsatz. Auch und gerade nach dem Einsatz. Traumatisierte Kameraden könnten noch besser umsorgt werden. Der Veteranenbegriff ist noch immer nicht abschließend geklärt. Das hat ganz handfeste finanzielle Versorgungsaspekte. Aber vor allem ist es eine Frage des Respekts.“