Seit 2011 ist er Präsident des Bundesarchivs: Dr. Michael Hollmann. Der 53-Jährige ist der siebte Amtsleiter in der Geschichte des Archivs. Jetzt war er der Einladung des Koblenzer Bundestagsabgeordneten Detlev Pilger und des Vorsitzenden der Koblenzer SPD, David Langner, in das Restaurant Dormont’s in der Koblenzer Altstadt gefolgt. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „60 Minuten SPD – im Dialog“ setzte er sich dort mit der Frage auseinander: „Das Bundesarchiv in Koblenz: die unbekannte Behörde.

Das Langzeitgedächtnis des Staates

Im Dialog mit Langner zeigte Hollmann Gastgebern und Gästen die Geschichte des 1952 in Koblenz begründeten Archivs auf und sprach über dessen Aufgaben hinsichtlich des Archivguts. Koblenz als einer von acht Dienstorten ist auch heute noch die Hauptdienststelle des Bundesarchivs. Sein Vorläufer ist das 1919 in Potsdam eingerichtete Reichsarchiv, in dem Unterlagen aller obersten Reichsbehörden, später auch des Deutschen Bundes und des Reichskammergerichts aufbewahrt wurden. Das Bundesarchiv hat den Auftrag (seit 1988 auch gesetzlich), das zivile und militärische Archivgut des Bundes auf Dauer zu sichern, nutzbar zu machen und wissenschaftlich zu verwerten, es vor Gefahren zu schützen, zu restaurieren und zu konservieren. „Was macht das Archivgut aus?“, wollte Langner wissen. Hollmann: „Weder Schätze noch Elitestücke, sondern nicht mehr und nicht weniger als das Verwaltungswissen der Zentralregierung in Deutschland“. In dem „Langzeitgedächtnis des Staates“ werden historisch und kulturell bedeutsames Schriftgut, Karten, Fotos, Tonaufzeichnungen staatlicher und privater Herkunft ab dem Jahr 1867 bewahrt. Neben vielen Verwaltungsakten lagern hier Dokumente zu Fußballereignissen, von Geheimdiensten, über Stars aus Sport- und Filmwelt, zu Wahlen, Aufständen, Schlachten und Kriegen. Etwa 14 Millionen Fotos und eine Aktenmenge von rund 330 (Regal-)Kilometern befinden sich in der Obhut des Bundesarchivs, das rund 700 Mitarbeiter – Archivare, Fotografen, Buchbinder, Restauratoren und viele Verwaltungsbeamte – beschäftigt und über einen Jahresetat von 56 Millionen Euro verfügt.

Das ausgewählte Material

Die Auswahl, welches Material konservierungswürdig ist, treffen Mitarbeiter des Archivs anhand eines Kriterien-Mixtums, das Willkür oder das Interesse eines einzelnen Kollegen ausschließen soll. Von gleichförmigem Schriftgut, wie es etwa Antragsformulare sind, werde nur einiges genommen, von typischen Unterlagen viel und von den besonderen alles, fügte Hollmann an. Im Koblenzer Archivgebäude, seit 1986 im Stadtteil Karthause, stehen mehr als 15.000 Quadratmeter Magazinfläche zur Verfügung. Außerdem gibt es hier einen Benutzersaal mit siebzig Arbeitsplätzen sowie einen Film- und Vortragssaal mit 200 Sitzplätzen. Langner erkundigte sich, wie sicher der Standort Koblenz für das Archiv ist, besonders im Hinblick auf die zunehmende Bedeutung des seit 1996 in Berlin installierten Archivs mit drei Dienstorten. Der Archiv-Präsident konnte beruhigen. Er sieht Koblenz in der Zukunft als zentrale Verwaltung und als einen der Hauptstandorte für die Informationstechnik des Bundesarchivs. Hier in der Hauptdienststelle werde zudem die Abteilung „B“ (Bundesrepublik Deutschland) weiterhin belassen. Pilger hakte nach, ob sogar an eine Erweiterung des Standortes gedacht werde.

Die Notwendigkeit zu erweitern

Die Notwendigkeit sehe er tatsächlich, sagte Hollmann – und die Fläche dafür sei vorhanden. Er hoffe, dass schon bald die Bauanträge gestellt werden können. Etliche Fragen kamen auch aus Kreisen des interessierten Publikums. Zum Beispiel: „Wie geht das Archiv mit digitalen Dokumenten um?“ Obwohl in den Ministerien zur Zeit immer noch die Papierakte die führende sei, gewinnen elektronische Akten, Datenbanken und Speichersysteme immer mehr an Bedeutung, sagte Hollmann. Pro Jahr kämen ein paar Gigabyte ins Archiv. Und „Auch Bits und Bytes werden irgendwann teuer“. 4.000 Euro pro Jahr koste zum Beispiel eine Stunde Tonfilm in höchster Auflösung mit einem Speicherbedarf von acht Terabyte. Vor eine besondere Herausforderung stellen das Archiv die Datenformate. Denn Daten müssen unabhängig von Betriebssystemen und Softwareversionen gelesen werden können. Wegen ihrer zeitlich begrenzten Lesbarkeit sind sie außerdem doppelt und dreifach zu sichern. Das Leitbild des Bundesarchivs heißt: „Wissen bereitstellen, Quellen erschließen, Geschichtsverständnis fördern“. Dem folgend, bietet es in Koblenz regelmäßig Vorträge und Hausführungen an und zeigt bei freiem Eintritt in lockerer Reihe Filmproduktionen der verschiedensten Genres. Zu der derzeit laufenden Filmreihe „Kino der Adenauerzeit“ verteilte Archiv-Mitarbeiter Joachim Becker Werbeflyer an die Gäste.

Filmvorschau

Die nächsten Filme sind: Am 14. April der deutsche Spielfilm „Schwarzwaldmädel“, ein Heimatfilm aus dem Jahr 1950, am 12. Mai „Der Stern von Afrika“ (Antikriegsfilm 1957) und am 9. Juni „Die Halbstarken“. Vorführungs-Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Hollmann will darüber hinaus die Zusammenarbeit mit der Volkshochschule und dem Kulturamt der Stadt intensivieren. Man nehme das Bundesarchiv auf der Karthause gar nicht richtig wahr, reklamierte Manfred Bastian, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD Stadtratsfraktion. Hollmann bestätigte und bedauerte das und berichtete von dem gescheiterten Versuch, eine Info-Stelle im Forum Confluentes einzurichten.

Zusammenarbeit mit Schulen

Margit Theis-Scholz, ab Dezember 2015 neue Kulturdezernentin der Stadt Koblenz, fragte konkret nach der Zusammenarbeit mit den Schulen. Das sei ein Problem, sagte Hollmann, da das Archiv nichts ausleihe. Doch es werde über offene Angebote nachgedacht. So könnten Schüler vielleicht einmal die Organisation einer Ausstellung übernehmen oder Archiv-Wissen schauspielerisch umsetzen. Das koste allerdings Zeit und engagierte Lehrer, fügte er an. Was sich Hollmann in Bezug auf das Bundesarchiv von der Politik wünscht, wollte Langner zum Schluss wissen. Der Archiv-Präsident verwies auf den Deutschen Archivtag 2016, der in Koblenz stattfinden wird. Dazu wünscht er sich tatkräftige Unterstützung, um die Veranstaltung in der Stadt sichtbar zu machen. Auch müsse in Bezug auf die (Nicht-)Sichtbarkeit des Archivs gemeinsam darüber nachgedacht werden, was getan werden, wie das Archiv einen unmittelbaren Kontakt mit den Bürgern aufbauen kann.

Quelle: Blick Koblenz vom 12. März 2015, Seite 4 (Lesen Sie den Originalartikel)