Knapp vierzig Schülerinnen und Schüler des Leistungs- und Grundkurses Sozialkunde des Gymnasiums auf der Karthause waren zur Europastunde mit Bundestagsabgeordneten Detlev Pilger gekommen, um von ihm seine Sicht auf Europa und Antworten auf ihre Fragen zu Europa zu erhalten. Pilger sprach sich hierbei klar für ein offenes Europa mit einer Willkommenskultur aus und auch dafür, offen über eine generelle Wahlpflicht nachzudenken.

Die Schülerinnen und Schüler wollten von Pilger Antworten haben auf konkrete Fragen zu Europa. Beispielsweise wie er zu einem Beitritt der Türkei stehe. Pilger bekannte hier klar, dass er einen Beitritt zum jetzigen Zeitpunkt als verfrüht erachte: „Wir erleben derzeit anhand des schrecklichsten Grubenunglücks in Soma, wie brüchig das politische und gesellschaftliche System zu sein scheint. Das zeigt sich auch in der Art, wie die türkische Regierung auf Wut, Trauer und Ohnmacht von Angehörigen reagiert. Und auch die kürzlichen Versuche, das Internet, die sozialen Medien zu beschränken – das alles lässt sich nicht, gar nicht mit den Werten und Idealen eines freien, offenen und demokratischen Europas vereinbaren.“ Gleichzeitig warb Pilger für einen kritischen und offenen Dialog mit der Türkei und dafür, ernsthaft über Zwischenschritte der Annäherung nachzudenken.

Auch dem Freihandelsabkommen in seiner jetzigen, angedachten und diskutierten Form erteilte er eine Absage: „Es kann nicht sein, dass wir unsere hart erkämpften Standards absenken. Verbraucherschutz oder Mindestlöhne sind nicht verhandelbar.“ Für Pilger steht auch fest, dass dieses Abkommen mit einer größtmöglichen Transparenz verhandelt werden muss.

Der koblenzer Bundestagsabgeordnete sprach sich klar for ein Europa der gleichen Lasten aus, besonders mit Blick auf die Aufnahme von Flüchtlingen. Bisher müssen die Länder in Europa Flüchtlinge aufnehmen, in denen sie erstmals europäischen Boden betreten. Damit sind die Länder in der Randlage Europas besonders betroffen. Pilger sprach sich dafür aus, mehr Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen. Das sei eine Frage der Menschlichkeit: „Nehmen wir als Beispiel Koblenz. Wir haben derzeit ungefähr 400 Flüchtlinge. Ich glaube, wir könnten mehr verkraften. Vorausgesetzt, wir stellen ihnen anständige Unterkünfte bereit. Hier hat die Stadt noch Nachholbedarf. Auch darf es nicht sein, dass innerhalb von Städten soziale Brennpunkte neu entstehen. Das hilft keinem und schürt unnötige und unbegründete Ängste.“

2014-05-16 12.08.53

Gefragt nach der Aufnahme weiterer Mitgliedsstaaten sprach sich Pilger dafür aus darauf zu achten, dass beitrittswillige Länder gewisse Standards vorweisen können: „Wir dürfen nicht gleich an Griechenland denken, wenn neue Länder in die EU wollen und glauben, das kann nicht gut gehen. Griechenland ist ja nicht an sich gescheitert, weil die Menschen oder die Regierung faul oder unfähig war. Nein, es war die Gier der Banken, die das Land fast in den Abgrund gerissen hätte. Die Bürgerinnen und Bürger – in Griechenland besonders, in der restlichen EU aber auch – müssen jetzt dafür die Zeche zahlen. DAS darf nie wieder passieren.“
Pilger mahnte, dass für die Zukunft Europas es entscheidend sei, dass Radikale und Europa-Hasser keine Chance bekämen: „Lasst Euch nichts vormachen. Die Slogans der rechtspopulistischen Gruppen mit ihren Pauschalisierungen stehen jenen einer Front National oder eines Geert Wilders in nichts nach. Diesen Kräften dürfen wir keinen Raum bieten, keine Bühne und kein Herausreden dulden. Diese Kräfte wollen Europa zerstören.“
Und so erinnerte Oberstudiendirektor Erik Babucke in diesem Zusammenhang daran, das der Gedanke von Europa auch eine Antwort auf die Schrecken zweier, kurz hintereinander ausgetragener Weltkriege war. Nach 1945 waren es Schülerinnen und Schüler, die durch verschiedene Austauschprogramme erste Brücken zu früheren Erzfeinden schlugen: „Es waren nach dem Krieg deutsche und französische Schülerinnen und Schüler, die im Austausch den früheren Gegner kennen und verstehen gelernt haben. Was heute für euch selbstverständlich ist, wurde damals als schier unmöglich erachtet.“

2014-05-16 10.49.37