In Berlin „Anwalt“ für den Wahlkreis sein

Auch wenn der Neu-Abgeordnete Detlev Pilger im Sport- und Umweltausschuss tätig sein wird, will er sein sozialpolitisches Engagement nicht zurückfahren. Das erklärte der Sozialdemokrat im Interview mit der Rhein-Zeitung zu seiner ganz persönlichen 100-Tage-Bilanz. Das Gespräch im Wortlaut:

Wie sieht Ihre ganz persönliche Bilanz der ersten 100 Tage im neuen Bundestag aus?

Die ersten hundert Tage sind gefühlt unglaublich schnell vergangen. Konkret habe ich in Berlin und in Koblenz die Strukturen für die nächsten vier Jahre geschaffen: Büro, Mitarbeiter und eine kleine Wohnung außerhalb des Regierungsbezirks, in der ich während der Sitzungswochen auch mal abschalten kann. Mittlerweile ist bereits etwas Routine in meinen Arbeitsalltag als Bundestagsabgeordneter gekommen.

Welche Schwerpunkte wollen Sie in Ihrer parlamentarischen Arbeit in dieser Legislaturperiode setzen?

In den nächsten vier Jahren werde ich im Sportausschuss und im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau- und Reaktorsicherheit arbeiten. Im Umweltausschuss werden Themen wie etwa der Hochwasserschutz, Stadtentwicklung, Soziale Stadt oder Lärmschutz und die Bundeswasserstraßen auf mich zu kommen. Als stellvertretendes Mitglied im Verteidigungsausschuss werde ich mich für den Bundeswehrstandort Koblenz aktiv einsetzen. Hier wird auch das für Koblenz immer noch wichtige Thema der Konversion mit behandelt. Ich freue mich auch auf die spannende Arbeit im Sportausschuss. Dieser hat in der letzten Legislaturperiode etwa damit begonnen, die Doping-Affären im Sport aufzuarbeiten. Aber ich werde mich natürlich nicht auf die Themen der Ausschüsse beschränken und mich weiterhin für sozialpolitische Fragen einsetzen, wie beispielsweise die Schulsozialarbeit und sozialer Wohnungsbau. Ich bleibe im Herzen ein Sozialpolitiker. Wie häufig waren Sie bislang in Berlin, wie stark wird und kann Ihre Präsenz noch im Wahlkreis sein?

In den rund 24 Sitzungswochen ist in Berlin Anwesenheitspflicht. Dann tagen die Ausschüsse und tritt das Plenum zusammen. In der übrigen Zeit bin ich im Wahlkreis, nehme Termine wahr und führe Gespräche. Eine strikte Trennung zwischen Wahlkreis und Berlin greift aber zu kurz. Denn auch in Berlin fühle ich mich als „Anwalt“ für den Wahlkreis und die Belange der Menschen dort.

Was hat Sie bislang am meisten an der Parlamentsarbeit überrascht – positiv wie negativ?

Es gibt keine Berührungsängste zwischen den Bundestagsneulingen, wie ich einer bin, und Parlamentariern vom Schlag eines Frank-Walter Steinmeier oder Sigmar Gabriel. Dann ist da noch die Taktung der Termine. Die ist in Berlin schon enorm. Da macht man sich im Vorfeld ja keine Gedanken. Der Tag ist mehr oder weniger durchgeplant. Auf der anderen Seite ist der Alltag für uns Abgeordnete auch bis ins Kleinste durchorganisiert. Das wirkt noch immer ein Stück weit befremdlich auf mich. Überall gibt es Menschen, die einem etwas abnehmen wollen, die bereit stehen und einen zum nächsten Termin fahren. An diesen Service muss man sich ein Stück weit gewöhnen ohne abzuheben.

Viele Deutsche bescheinigen der Großen Koalition in einer Umfrage einen Fehlstart: Wie holprig war der Auftakt wirklich?

Da habe ich eine ganz andere Wahrnehmung. Ich erlebe ein gutes und harmonisches Miteinander zwischen den Regierungsfraktionen auf Augenhöhe. Auch innerhalb unserer Fraktion ist von Misstrauen gegenüber den Kolleginnen und Kollegen der CDU/CSU-Fraktion keine Spur. Ich bin zuversichtlich, dass wir in der Großen Koalition vier Jahre verantwortungs- und vertrauensvoll zusammenarbeiten werden. Und wenn sich dennoch mal gestritten wird: Eine gesunde Streitkultur in der Politik ist wichtig – zumal wenn es darum geht, sozialdemokratische Politik durchzusetzen.

Worauf muss sich die SPD konzentrieren, um in der Regierungsarbeit wahrgenommen zu werden?

Wir haben mit Andrea Nahles und Manuela Schwesig zwei sozialdemokratische Kernministerien. Andrea Nahles hat bereits einen Entwurf für mehr Rentengerechtigkeit vorgelegt. Mit Frank-Walter Steinmeier ist ein besonnener und international geachteter Außenminister ins Amt zurückgekehrt. Heiko Maas hat als Justizminister eine kluge und besonnene Position zur Vorratsdatenspeicherung eingenommen. Das sind alles erste Themen und Positionen, die zeigen, dass die SPD eine starke und eigenständige Kraft innerhalb der Regierung ist. Und auch auf unseren Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel kommt eine ganz besondere Bedeutung zu. Er muss unser Land im Bereich Energie zukunftsfähig machen und ökologisch gestalten, ohne die Belange unserer Wirtschaft zu vernachlässigen.

Detlev Pilger im Interview mit der Rhein-Zeitung, 29. Januar 2014

Detlev Pilger im Interview mit der Rhein-Zeitung, 29. Januar 2014 (Klicken, zum vergrößern)