Am Tag nach der Arbeit widmeten sich die „60 Minuten – SPD im Dialog“ noch einmal der Frage der Bedeutung und Relevanz von Gewerkschaften im gesellschaftlichen Miteinander. Ali Yener, Vorstandsmitglied der SPD Koblenz begrüßte diesmal in Vertretung des Koblenzer Bundestagsabgeordneten Detlev Pilger und dem Vorsitzenden der SPD Koblenz und Staatssekretär David Langner die Bezirksgeschäftsführerin von Verdi, Marion Paul.

Paul betonte gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Streiks von Verdi bei der Deutschen Post und den Erzieher/innen, dass ein Streik immer das letzte Mittel in der tariflichen Auseinandersetzung zwischen Arbeitgeber und den gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer/innen darstellt und nicht leichtfertig ‚vom Zaun gebrochen werde‘ – wie manchmal in der öffentlichen Diskussion als Vorwurf durchschimmere. Das es derzeit und auch schon in der Vergangenheit vermehrt zu Arbeitskämpfen komme, liege ihrer Ansicht nach auch daran, dass sich eine Veränderung im Miteinander von Politik, Arbeitgebern und Gewerkschaften beobachten lassen. Das ’natürliche‘ ausbalancierte Nebeneinander, so wie es im Rheinischen Kapitalismus bestanden habe, mit gegenseitigem Respekt und Anerkennung werde immer stärker von der Arbeitgeberseite aufgeweicht.

Besonders deutlich würde dies im Dienstleistungssektor, in dem aktuell ein Großteil der Arbeitskämpfe stattfinde. Als Beispiel führte Paul die Situation bei der Post an. Hier würden zwar noch vergleichsweise gute Löhne nach Tarif bezahlt. Aber es seien auch Tendenzen zu beobachten, sich immer stärker nach dem Speditionsgewerbe zu orientieren und damit auch vergleichsweise niedere Löhne zu verfolgen. Gleiches gelte auch in Bezug auf Unternehmen wie Amazon, wobei Paul vor einer pauschalen Kritik warnte. Teilweise habe man auch an Amazon-Standorten gewerkschaftliche Interessenvertretungen bereits etablieren können.
Ein richtiger und wichtiger Schritt, wie sie betonte.

Der Mindestlohn zeige in vielen Bereichen konkrete positive Auswirkungen. Für viele Beschäftigte sei er ein wahrer Segen. Das Argument des Bürokratiemonsters ließen Paul und Yener nicht gelten. Auf die Frage von Yener, was es denn mit den Arbeitskämpfen der Erzieher/innen genau auf sich habe, legte Paul dar, dass diese sich zu einem ganz wesentlichen Teil in einem stark veränderten Aufgaben- und Qualifikationsbild gründeten, dem kein entsprechendes Tarifmodell von Arbeitgeberseite entgegen stünde. Nach den gescheiterten Tarifverhandlungen für Erzieher und Sozialarbeiter in kommunalen Einrichtungen läuft derzeit eine Urabstimmung für einen unbefristeten Streik. Das sei auch gerechtfertigt. Erzieher/innen ‚verwahren und bespaßen‘ Kinder nicht, sondern leisten heute regelrechte und anspruchsvolle Bildungsarbeit und frühkindliche Erziehung. Paul ließ in diesem Zusammenhang nicht gelten, dass viele Kommunen als Träger von Kindertagesstätten mit verschuldeten oder gar überschuldeten Haushalten zu kämpfen hätten und daher auch bei den Gehältern der Erzieher/innen nur wenige Spielräume sähen. Ihrer Meinung nach müsse eine Gesellschaft klare Prioritäten setzen – bei Bildung und frühkindlicher Erziehung allemal.

Foto: privat
Auf den Foto von links nach rechts: Gertrud Block, SPD-Vorstandsmitglied, Ali Yener, SPD-Vorstandsmitglied, Marion Paul, Bezirksgeschäftsführerin von Verdi, Ines Lindemann-Günther, SPD- Vorstandsmitglied